Systemfehler

Gedanken, Gefühle und alles, was dazwischen passiert, haben hier ein Zuhause. Dabei steht jeder Absatz, ja vielleicht sogar jede Frage, für sich – in voller Demut, mit Leichtigkeit und einer Prise Sarkasmus.

Diese Woche teile ich mit euch eine Kritik. Nicht an alle, nicht an jeden oder jene, sondern an etwas Gesellschaftliches. Etwas Allgemeines und doch ziemlich Persönliches.

Ich frage mich seit einigen Tagen:

Wann ist es eigentlich uncool geworden, seinem gesagten Wort Leben zu schenken?

Wann haben wir angefangen, Vereinbarungen als unverbindliche Vorschläge zu betrachten?

Ich meine damit nicht, dass sich Pläne niemals ändern dürfen. Natürlich tun sie das. Das Leben wäre vermutlich ziemlich langweilig, wenn es anders wäre.

Aber wenn ich jemandem mein Wort gebe, entsteht beim anderen etwas. Vertrauen. Eine Erwartung. Vielleicht auch einfach die Entscheidung, sich auf meine Aussage zu verlassen.

Und genau da beginnt für mich der interessante Teil.

Denn jede Aktion erzeugt eine Reaktion.

Wenn ich sage: „Ich komme“, wartet vielleicht jemand.

Wenn ich sage: „Wir machen das so“, richtet sich vielleicht jemand danach.

Und wenn ich dann feststelle, dass es doch nicht funktioniert, darf ich meine Meinung ändern. Natürlich.

Aber dann sollte ich vielleicht auch den kleinen Luxus besitzen, es dem anderen mitzuteilen.

Denn manchmal wartet der andere nicht nur zehn Minuten.

Vielleicht wartet er eine Stunde.

Vielleicht einen ganzen Tag.

Und das Verrückte daran ist: Derjenige, der wartet, hat seine Zeit bereits zur Verfügung gestellt. Aufgrund von Worten, die ihm Sicherheit gegeben haben.

Während derjenige, der seine Meinung geändert hat, einfach weiterlebt.

Nicht, weil er unbedingt ein schlechter Mensch ist.

Vielleicht hat er es vergessen.

Vielleicht war es ihm unangenehm, abzusagen.

Vielleicht dachte er: „Ach, wird schon nicht so schlimm sein.“

Und genau dieses „wird schon nicht so schlimm sein“ finde ich erstaunlich.

Denn für den einen sind es vielleicht nur ein paar unbeantwortete Nachrichten.

Für den anderen ist es ein ganzer Tag, der anders geplant wurde.

Es geht mir deshalb gar nicht darum, dass Menschen immer ihr Wort halten müssen.

Es geht darum, dass Worte einen Wert bekommen, sobald ein anderer Mensch auf sie vertraut.

Und damit entsteht auch eine Verantwortung.

Nicht nur für das, was wir sagen.

Sondern auch dafür, was unser Gegenüber aufgrund dessen tut.

Denn wenn ich jemandem mein Wort gebe, nehme ich mir für einen Moment die Macht, seine Entscheidung zu beeinflussen.

Das klingt ziemlich groß für ein simples „Wir treffen uns morgen“.

Ist es aber vielleicht gar nicht.

Denn wenn der andere darauf vertraut, hat mein Wort gerade etwas in seinem Leben verändert.

Und wenn ich anschließend einfach nichts sage, verändert auch mein Schweigen etwas.

Nur eben auf eine ziemlich feige Art.

Denn am Ende ist nicht einmal die Enttäuschung das, was mich daran am meisten stört.

Enttäuschung gehört zum Leben.

Es kann immer etwas dazwischenkommen.

Was mich stört, ist das Warten auf etwas, von dem der andere längst weiß, dass es nicht mehr passieren wird.

Nur weil niemand geredet hat.

Nur weil einer nichts gesagt hat.

Und vielleicht sagt genau diese Tat am Ende mehr über den Wert aus, den jemand seinen eigenen Worten gibt, als über die Enttäuschung desjenigen, der gewartet hat.

Vielleicht ist das unser kleiner gesellschaftlicher Systemfehler:

Wir haben gelernt, dass ein gegebenes Wort Gewicht haben soll.

Aber irgendwie vergessen, dass man es auch tragen muss.

Und vielleicht wäre die Lösung erstaunlich einfach:

Wenn sich etwas ändert, sag es.

Nicht weil du immer alles richtig machen musst.

Sondern weil am anderen Ende deiner Worte ein Mensch sitzt.


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