Stopschild

Heyho, neue Woche, neuer Eintrag.

Also sitzen wir hier. Egal, ob wir heute einen Dienstag oder gar erst einen Freitag erwischt haben, und lesen oder hören von fremden Schicksalen.

Jemand ist verstorben.
Eine Bombe wurde gefunden.
Eine Person des öffentlichen Lebens ist plötzlich doch nicht der reflektierte Nice Guy von nebenan, für den wir sie gehalten haben.

Ach ja, Schande über mein Haupt – die obligatorische Naturkatastrophe oder irgendeine komische Aussage eines Präsidenten der Vereinigten Staaten gab es bestimmt auch. Nicht, dass hier noch jemand denkt, ich würde etwas verheimlichen.

Aber was haben all diese Schlagzeilen und Schicksale gemeinsam?

Erst einmal, differenziert betrachtet, gar nichts. Sie trennen teilweise Ozeane und Kontinente voneinander.

Doch wer genauer hinschaut, findet einen kleinen gemeinsamen Nenner.
Und der heißt Negativität.

Oder, wenn wir es etwas unbequemer formulieren wollen:
die Stigmatisierung von Gewalt in unserem Alltag.

Aus meiner Betrachtungsreise heraus haben wir uns vielleicht ein wenig zu sehr daran gewöhnt, dass uns negative und gewaltsame Nachrichten in kleinen, mundgerechten Häppchen serviert werden.

Ein bisschen Skandal zum Frühstück.
Ein Todesfall zum Mittag.
Eine Katastrophe am Nachmittag.

Und am Abend noch schnell die öffentliche Hinrichtung einer Person in den sozialen Medien, weil sie einen Satz gesagt hat, der innerhalb von drei Minuten vom Kontext befreit und anschließend seziert wurde.

Wir bekommen das alles so bequem serviert, dass wir manchmal gar nicht mehr darüber nachdenken, was wir da eigentlich konsumieren.

Vom Helden zum Antichristen in einem Statement.
Von der plötzlichen Anteilnahme an einem Menschen, mit dem wir nie ein Wort gewechselt haben.
Bis zum tiefen Schock über ein Ereignis, das sich hunderte oder tausende Kilometer entfernt ereignet hat.

Ich verstehe, warum wir so sind.
Ich verstehe die Sensation dahinter.
Ich verstehe auch, dass Nachrichten informieren müssen und dass Schreckliches nicht dadurch verschwindet, dass wir den Fernseher ausschalten.

Aber genau deshalb möchte ich heute ein kleines Gedankenexperiment vorschlagen.

Bastelt euch ein eigenes Stoppschild.

Nicht für die Welt.
Für euch selbst.

Und wenn ihr merkt, dass ihr gerade wieder in diesen Kreislauf aus Schock, Empörung und Negativität hineingeratet, sagt einfach einmal:

Halt. STOP.

Nicht, weil euch das Schicksal anderer egal ist.
Sondern weil euer eigenes Leben auch noch stattfindet.

Erinnert euch an das ehrliche Lachen eures Kindes.
Wann habt ihr eigentlich das letzte Mal bewusst den Geruch eures frisch aufgebrühten Kaffees wahrgenommen?
Nicht einfach getrunken.
Wahrgenommen.

Wann habt ihr den Geschmack eures Lieblingsgetränks eigentlich das letzte Mal wirklich bemerkt?

Und wann habt ihr euch zuletzt bewusst damit beschäftigt, wie schön es ist, überhaupt die Musik hören zu können, die eurem eigenen Ohr am besten gefällt?

Oder wie schön es ist, einfach aufzustehen und irgendwohin fahren zu können, nur weil man gerade Lust darauf hat?

Wir haben so viele kleine Freiheiten, dass wir sie manchmal gar nicht mehr als solche erkennen.

Wir können reisen.
Wir können lachen.
Wir können Musik hören.
Wir können uns spontan für etwas entscheiden.
Wir können mit Menschen, die wir lieben, Zeit verbringen.
In deren Gesicht schauen und uns heimlich in die süße Nase verlieben, welche der Mensch trägt der uns am nächsten ist. (In liebe an mein Gedanken🐷)

Und ja, wir können sogar eine App benutzen, in der ein kleiner grüner Vogel uns emotional erpresst, wenn wir einen Tag zu spät mit dem Lernen anfangen.Ich habe übrigens mittlerweile 53 Tage mit diesem Vogel überlebt. Er nervt immer noch wie vom Tag 1 nur lerne ich mit dem Druck umzugehen.

Und dann gibt es da noch unseren Kontostand.Diese wunderschöne Zahl, die uns regelmäßig daran erinnert, dass finanzielle Freiheit und finanzielle Realität zwei unterschiedliche Reiseziele sein können.

Aber selbst da kann man sich manchmal denken:

Lieber arm als Arm ab.

Und vielleicht ist genau das der Punkt.

Wir haben jeden Tag Möglichkeiten auszubrechen.

Nicht vor der Realität.
Nicht vor den Problemen.
Und auch nicht vor dem Leid anderer.
Sondern vor dem Gedanken, dass das alles sein muss, was unsere Aufmerksamkeit verdient.

Wir haben die Macht, Widerstand zu leisten.
Nicht gegen die Welt.
Sondern gegen die Gewohnheit, nur noch das Schwere wahrzunehmen.

Wir können unsere eigene Welt – die vier Wände, die wir Zuhause nennen, die Menschen darin und die kleinen Momente dazwischen – wieder bunt anmalen.

Und für einen kurzen Moment die Gewalt, die Empörung und die Negativität vor der Tür stehen lassen.

Nicht für immer.
Nur für einen Moment.

Denn vielleicht brauchen wir manchmal genau dieses Stoppschild.

Einen kleinen Moment, in dem wir stehen bleiben und uns daran erinnern, dass unser Leben nicht nur aus den Dingen besteht, über die gerade berichtet wird.

Vielleicht sollten wir die eigentlichen Stars unseres Alltags viel öfter auf die Bühnen holen.

Das Lachen unserer Kinder.
Der Geruch von Kaffee.
Das Lieblingslied.
Ein spontaner Ausflug.
Ein Gespräch.
Ein Getränk, das einfach verdammt gut schmeckt.

Oder dieser eine kleine Moment, in dem man feststellt:
Eigentlich ist mein Leben gerade ziemlich schön.

Darüber wird nur leider viel zu selten berichtet.

Also malt euer Leben mit möglichst vielen Farben an.
Und wenn ihr fertig seid, versiegelt es ruhig mit einem ehrlichen Lacheln.

Denn vielleicht sind es genau diese kleinen, kostbaren Momente, die wir im Alltag viel zu wenig beachten – obwohl sie eigentlich die wahren Stars unserer eigenen täglichen Nachrichten sein sollten.


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